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Melodie & Rhythmus 3 / 2004
Tangospieler
Karlo Enskat
L'ART DE PASSAGE zählen spätestens seit "Sehnsucht
nach Veränderung" zu den innovativsten Instrumentalbands,
jetzt haben sie ihr erstes Livealbum vorgelegt. Wir
trafen den Akkordeonisten Tobias Morgenstern zum Interview.
M&R: Euer neustes Album
heißt "Au parfum de Tango", ist Tango
euer Dauerthema?
TOBIAS MORGENSTERN: Unsere Tangoalben sind sehr unterschiedlich
ausgefallen. Das dritte, "Hotel du tango",
nimmt diese Musik das erste Mal wirklich in Angriff,
aber eben im Vorübergehen, l`art de passage, nie
ganz pur, die Reglements des Tango immer durchbrochen.
Auf "Milonga Triste" (Kling/Morgenstern) wenden
wir uns Astor Piazzola zu. Und wieder steckt da Tango
drin, diesmal viel konkreter. Nun kommt "Au parfum
de tango" und ist eigentlich nicht die Fünfte
von l`art, denn Rainer Rohloff spielt nicht mit.
M&R: Aber ihr nennt es
ein L'art de passage - Produkt. Wer ist denn nun diese
Band?
TOBIAS MORGENSTERN: Ein Etikett hilft manchmal beim
Verkauf und wir sind durch Stefan Kling und mich sehr
nah am l`art-Stil dran. Auch Wolfgang Musik spielt schon
sehr lange bei uns den Bass. Und so haben wir irgendwann
die Regelung getroffen, dass es auch l`art de passage
heißen kann, wenn zwei von uns dreien Kling/ Rohloff/Morgenstern
dabei sind. Besonders live halten wir das so.
M&R: Auch ohne Morgenstern?
TOBIAS MORGENSTERN: Ja, obwohl das kaum vorkommt. ,,Au
Parfum" ist unser erstes Livealbum. Ein sehr gelungenes,
wie wir finden. Das Beste ist daran die Dramaturgie,
die uns über den Abend geglückt ist. Sie macht
dieses Album zu etwas Besonderem gegenüber anderen
dieser Art.
M&R: Relativ neu um euch
ist der Name Helmut Lipsky, der eine grandiose Violine
spielt. Wo und wie habt ihr euch gefunden?
TOBIAS MORGENSTERN: Helmut ist einer von den vielen
Projektgästen, die es ja über die Jahre immer
gab. Sänger, Schauspieler, Tänzer, Musiker.
Wir kennen ihn seit etwa sechs Jahren. Er hatte Stefan
und mich zu einer CD-Produktion in der Schweiz eingeladen.
Helmut ist Norddeutscher, der seine Kindheit in der
Schweiz verbracht, dann den Schritt nach New York zum
Studium klassischer Violine gewagt hat und seit zwanzig
Jahren in Montreal lebt, wo er eine Professur am Konservatorium
hat. Er hat sich auch als Komponist von Theatermusik
einen Namen gemacht und ist der interessanteste Violinist,
den ich kenne, weil er so viele Stilistiken beherrscht.
Wir spielen seit vier Jahren immer wieder Tourneen mit
Helmut in Kanada.
M&R: Bei den vielen Projekten,
die du bedienst, Dein Theater am Rand, Studioproduktionen,
Kompositionen und Livekonzerte für z. B. Gerhard
Schöne, Tino Eisbrenner, Bettina Wegner, ... Ist
hart de passage noch dein Hauptthema?
TOBIAS MORGENSTERN: Nein. Aber eines, was immer wieder
ein wichtiges Arbeitsfeld ausmacht Wir sind auch nicht
mehr so viel unterwegs wie früher.
M&R: Warum nicht?
TOBIAS MORGENSTERN: Ich hab einfach nicht mehr Lust,
wegen 30-40 Zuschauern bis nach Süddeutschland
zu fahren. Die kommen ja inzwischen zu mir ins Theater.
Ich muss mir immer wieder die Mühe machen, Dinge
wegzulassen. Das ist oft schwer. Aber ich will mich
ja auf das, was bleibt, ganz einlassen können und
mich nicht verzetteln. Und seit ich bei mir im Theater
veranstalten und im Studio produzieren kann, überlege
ich mir jedes Konzert im Land ganz genau. An vorderster
Stelle steht aber noch immer das Akkordeonspielen. Und
der Stamm von Leuten, für die und mit denen ich
das tue, ist im Groben noch der alte. L`art des passage
gehört dazu.
M&R: Was ist noch übrig
von deiner "Sehnsucht nach Veränderung"?
Du hast dich in den letzten Jahren auf ein paar Dinge
festgelegt. Bist in das Oderbruch gezogen, hast dein
Theater gebaut.
'TOBIAS MORGENSTERN: Das ist ja alles Ausdruck dieser
Sehnsucht. Vielleicht ist es ein Rückzug. Ich hab
kein Verständnis für die Entwicklung in den
Städten, wo alles immer schneller und höher
hinausgehen muss. Die so genannten "verlorenen
Landschaften", also die Gebiete, die "unterentwickelt''
und rückständig'' sind, die sind
für mich die wertvolleren. Wir stehen vor dem Problem,
dass nach so vielen schief gegangenen globalen Entwicklungen
eine Art Rückzug oder Rückbesinnung stattfinden
muss. Da draußen ist für mich der beste Ansatzpunkt
für eine solche Besinnung und ich kenne viele Leute,
die mit der gleichen Motivation dort leben. Es gilt,
das richtige Maß zu finden.
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